Viele Kinder leiden in ihrer Kindheit unter Ohrenschmerzen und Ausfluss aus dem Ohr. Eltern fürchten den Trommelfellschnitt, gleichzeitig sorgen sie sich aber auch darum, ob das Gehör des Kindes durch die vielen Entzündungen Schaden nimmt. Wie kann man solche Erkrankungen behandeln und verhindern, dass sie chronisch werden?
Nach Ansicht vieler Fachleute liegt das eigentliche Problem nicht in der Infektion selbst, sondern in der gestörten Belüftung des Mittelohrs. Eine rein infektionsunterdrückende Behandlung reicht deshalb nicht aus, da sie weder den Abfluss der Flüssigkeit noch die Belüftung der Nebenhöhlen unterstützt. Es ist kein Zufall, dass seit der massenhaften Anwendung von Antibiotika, Nasentropfen und fiebersenkenden Mitteln die Zahl chronischer, langwieriger, fieberloser Mittelohrentzündungen mit Flüssigkeitsbildung deutlich zugenommen hat.
Bei der Geburt sind Mittelohr und Nebenhöhlen noch mit Flüssigkeit und embryonalem Gewebe gefüllt. Sie enthalten noch keine Luft. Im Säuglingsalter ist die Belüftung der Nebenhöhlen ein wichtiger Entwicklungsvorgang. Um diesen besser zu verstehen, betrachten wir einige interessante Zusammenhänge.
Der menschliche Körper zeigt eine dreigliedrige Struktur:
Oben befindet sich der Kopf als Sitz des Nervensystems, der Sinnesorgane und des Denkens.
In der Mitte liegt der Brustraum mit den rhythmischen Prozessen (Atmung und Kreislauf) sowie dem dazugehörigen seelischen Leben.
Unten befindet sich der Bauchraum als Bereich des Stoffwechsels und des Willenslebens. Diese Dreigliederung findet sich im Kleinen im gesamten Organismus wieder – auch in der Form des Kopfes.
Der Gehirnschädel des Säuglings (der obere Teil des Kopfes) ist verhältnismäßig groß, ebenso das rundliche Gesicht. Dies weist auf die starke Aktivität des Nervensystems, der Sinnesorgane und des Stoffwechsels hin. Im Vergleich dazu ist der mittlere Bereich (Nasenrücken, Ohren, Nebenhöhlen) noch wenig entwickelt – ebenso wie Atmung und Herzrhythmus in diesem Alter noch instabil sind und das Seelenleben sich erst im Ansatz entwickelt.
Auch im Ohr zeigt sich diese Dreigliederung:
Das Innenohr ist mit sensorischem Epithel ausgekleidet, ähnlich dem Nervensystem. Das Mittelohr besitzt ein mittelhohes Epithel wie die Bronchien. Die Ohrtrompete (Eustachische Röhre), welche den Rachen mit dem Mittelohr verbindet, ist mit Flimmerepithel ausgekleidet – ähnlich dem Darmtrakt. Es ist daher kein Zufall, dass gerade der mittlere Bereich, das Mittelohr, so empfindlich ist: Es befindet sich gewissermaßen noch in einem embryonalen Zustand – ähnlich wie die kindliche Seele.
Im Säuglingsalter besteht zwischen „oben“ und „unten“ noch kein Gleichgewicht. Die unteren Bereiche (Stoffwechselprozesse) drängen nach oben, die oberen Bereiche (vermittelt durch die Sinnesorgane) wirken nach unten.
Der noch unreife mittlere Bereich trägt die spätere Individualität und Persönlichkeit in sich – er ist die Heimat des freien seelischen Menschen. Die differenzierte Persönlichkeit (Seele und Bewusstsein) drückt sich am unmittelbarsten über die Atmung aus: in der Sprache. Sprache wiederum entsteht durch die ausgeatmete Luft. Auch die Nasennebenhöhlen füllen sich beim Atmen mit Luft – ähnlich wie beim Saugen während des Stillens.
Was beobachten Eltern beim Kind?
Das Gehör des Kindes verschlechtert sich, vieles muss mehrfach wiederholt werden, das Sprachverständnis kann eingeschränkt sein, die Sprache klingt undeutlich, nachts schnarcht das Kind mit offenem Mund, wirft den Kopf (oder sogar den ganzen Oberkörper) nach hinten, schläft unruhig und wenig erholsam. Dadurch nimmt die Eigeninitiative ab, tagsüber wird das Kind gereizt, aggressiv, impulsiv oder weinerlich.
Verstopfte Ohren – blockierte seelische Entwicklung
Erkrankungen der oberen Atemwege können Ausdruck eines tieferliegenden krankhaften Prozesses sein, der das ganze Kind betrifft – nicht nur einzelne Organe wie das Mittelohr. Wenn die Nase verstopft ist, wird auch die Belüftung des Mittelohrs behindert (es entsteht Unterdruck oder Flüssigkeit sammelt sich an), wodurch sich das Hören verändert. Das Kind nimmt die Wirklichkeit anders wahr und interpretiert Ereignisse anders. Dadurch verändert sich auch seine Kommunikation. Die Umwelt reagiert ebenfalls anders auf das Kind. Kinder und Erwachsene begegnen ihm nicht mehr wie zuvor. Dies beeinflusst sein Bild von sich selbst und von der Welt.
Wichtig! Wenn die Nasenatmung – und damit die Belüftung des Mittelohrs – über Wochen hinweg gestört bleibt, kann dies die seelische Entwicklung des Kindes beeinträchtigen.
Dank moderner Antibiotika lassen sich schwere Komplikationen der Mittelohrentzündung, etwa eine eitrige Mastoiditis, heute weitgehend vermeiden. Sie bieten jedoch keine individuelle Lösung für das zugrunde liegende komplexe Problem. Häufig verläuft eine „versteckte“ Entzündung ohne Schmerzen: Die Krankheitserreger verschwinden zwar, doch der Prozess selbst endet nicht und die Schleimhaut regeneriert sich nicht vollständig. Dies kann zu Rückfällen oder chronischen Komplikationen führen. Deshalb ist Vorbeugung so wichtig.
Wie kann man vorbeugen?
Neben der Stärkung des Immunsystems ist eine umfassende Hygiene wichtig, dazu gehören:
- ein rhythmischer Tagesablauf
- Bewegung an der frischen Luft
- gesunde Ernährung
- angemessene Kleidung
- eine bewusste Gestaltung der Sinneseindrücke
- ein gesundes Raumklima.
Behandlung akuter unkomplizierter Mittelohrentzündungen
Die Ohrtrompete des Kindes ist kürzer als die eines Erwachsenen und verläuft nahezu waagrecht. Im Ruhezustand liegen ihre Wände aneinander. Sie öffnet sich nur durch aktive Bewegungen der Gaumenmuskulatur, etwa beim Schlucken. Dadurch ist das Mittelohr anfälliger für Infektionen. Besonders empfindlich ist die Zeit des Zahnens. Dann fallen die oberen Atemwege gewissermaßen wieder in den zuvor beschriebenen „embryonalen Zustand“ zurück.
Gut zu wissen: Die während der Entzündung gebildete Flüssigkeit „spült“ Krankheitserreger aus dem Ohr. Deshalb sollte Ausfluss nicht sofort als Katastrophe betrachtet werden.
Die Phasen der Entzündung:
- die Schleimhaut des Nasenrachenraums schwillt an
- die Ohrtrompete verschließt sich
- die Luft im Mittelohr wird resorbiert, es entsteht Unterdruck (das Trommelfell zieht sich ein)
- seröse Flüssigkeit tritt aus der geschwollenen Schleimhaut aus (das Trommelfell wölbt sich vor)
- die Krankheitserreger vermehren sich zunehmend.
Die Entzündung verläuft meist einseitig, beginnt plötzlich und geht mit hohem Fieber einher. Die Schmerzen treten in Wellen auf und werden von längeren schmerzfreien Phasen unterbrochen.
Tipp:
Erklären Sie dem Kind den wellenförmigen Verlauf der Erkrankung. Das beruhigt es oft etwas und hilft ihm, die Schmerzen besser zu ertragen.
Achtung!
Selbstständigkeit und Vertrauen der Eltern sind bei der Behandlung wichtig, dennoch muss ein Arzt das Kind untersuchen und ins Ohr schauen. Bei einer Behandlung ohne Antibiotika sind häufige Kontrolluntersuchungen (alle 1–2 Tage) notwendig.